Der Akkordeon-Mann

7 Sep

Wo ist bloß der Akkordeon-Mann aus der Fußgängerzone? Immer, wenn ich so beim Zahnarzt sitzeliege, schallen die Klänge des Akkordeonspielers durch die Fenster hoch direkt ins Behandlungszimmer. Das ist nicht immer eine Beruhigung, aber ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt und es gehört einfach dazu. Heute jedoch gibt es kein Akkordeon. Dafür hat der Zahnarzt eine Dudelmusik angestellt, und zwar einen hawaiianischen Inernetradiosender. Das ist auch Musik, aber natürlich nicht das gleiche.
Irgendwann, als ich kurz mal was sagen kann zwischen Wattestangen und Zahngeräten, frage ich ihn, wo denn eigentlich der Akkordeon-Mann ist. Tja, das weiß er auch nicht. Dafür kann er mir berichten, dass es schon eine Unterschriften-Sammlung gibt, weil manche Leute das gar nicht mehr so gut aushalten können, dass der Mann tagein tagaus dort in der Fußgängerzone die immergleichen Melodien spielt. Einer, sagt er, habe sogar erzählt, er bekomme immer Herzrasen, wenn es wieder losgeht mit dem Akkordeon.
Komisch, immer wenn ich fertig bin beim Zahnarzt, habe ich das dringende Bedürfnis, mir was zu kaufen, um mich für das Mundaufsperren, Gerätekreischen und alles, was sonst noch dazugehört und nicht so viel Spaß macht beim Zahnarzt, ein bisschen zu belohnen. Da passt es gut, dass schräg gegenüber eine Ansammlung von Läden ist, die alles feilbieten, was man jetzt im Herbst so tragen kann. Um dorthin zu gelangen, muss ich direkt an dem Platz vorbei, an dem besagter Akkordeon-Mann immer aufspielt. Der Platz ist leer, und es hat sich auch niemand anderes getraut, ihn für sich zu beanspruchen.
Nur ein paar Meter weiter stehen ein silberner und ein goldener Mann auf einem Karton. Sie stehen einfach so rum, und ein Instrument haben sie auch nicht dabei. Ob die schon zur Akkordeon-Gegenbewegung gehören?
Nach einem betäubten Schlendern durch Douglas, Tchibo und H&M stelle ich fest, dass überall das Oktoberfest ausgebrochen ist (naja, außer bei H&M, aber vielleicht kommt das auch noch). Alles voll mit Dirndln, Brezn, Tassen und Hauptsache alles kariert. Wer braucht denn sowas in Hamburg? Also ich jedenfalls nicht, weil das ist sowieso nicht das gleiche, wenn man nicht im Süden ist. In meiner Tasche steckt nun ein Strickkleid, das ist für den Winter zu dünn und für den Sommer zu warm, also genau das richtige für den Hamburger September. Ich trete an die frische Luft, atme ein, und siehe da, ich höre die vertraute Akkordeon-Musik. Der Akkordeon-Mann ist zurück, und das ist irgendwie beruhigend. Jetzt ist der Zahnarzt-Vormittag komplett.

Advertisements

2 Antworten to “Der Akkordeon-Mann”

  1. rorschac8 7. September 2011 um 9:46 pm #

    Du Hast einfach ne geile Schreibe 😉

  2. mauzipauzi 8. September 2011 um 11:20 am #

    Merci! Und ich habe an manchen Tagen auch echt gute Vorlagen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: