Tag Archives: Tatort

Gezappel an der Tür

5 Mai

Nicht umsonst begann der Tatort aus München gestern mit Eindrücken vom Kettenkarussell… Wollt ihr noch ne Runde? So gab es erst eine Kamerafahrt „Am Ende des Flurs“ , und dann noch eine und noch eine…

Die Kommissare Batic und Leitmayr streiten, fuchteln und tigern herum in bester bajuwarischer Manier – München muss irgendwo kurz vor Italien liegen! Das Farbspektrum eine Hommage an Hitchcock, ein Rabe fliegt zum Fenster herein und der Leiti spricht mit der Miezi. Suspendiert und unbeirrbar im blau-grünen Karohemd ermittelt der Leitmayr weiter, weil er mit der Ermordeten bekannt war, und das nicht nur vom Einkaufen-gehen (o-ha) . Sind so unglückliche Frauen in der Retrospektive-aus-glücklicheren-Zeiten eigentlich immer ein bisschen blonder als später dann? Wer bewahrt überhaupt Rezepte auf von Medikamenten, die man zu Hause hat? Und hat es wirklich die ganze Zeit kein einziges Mal geregnet, auch nicht als Stilmittel?

Neues Personal hat zusätzlich kriminalistischen Schwung in die Ermittlungen gebracht: Da wären der neue junge Kollege Kalli mit der Tolle und der Regenjacke (bitte in München immer nur bis zum Brustbein zumachen), die blonde Frau von der Fallanalyse (fester Händedruck, und dann am besten erst mal stehenlassen) sowie ein österreichischer Kollege (das war schon fast ein bisschen viel des Guten),  ja mei.

Ein Extra-Lob geht jetzt bitte auch noch an die ganz detailreiche und liebevolle Ausstattung mit goldenen Tapeten und einem sehr einsamen Vorhang an einem sehr breiten Fenster in dem Haus von dem sehr einsamen Mann mit dem schmiedeeisernen Gezappel an der Haustür, das wo im Gegenlicht so schön aussieht.

Ein sehr atmosphärischer und dichter Tatort, der einen wie verstaubt in einem Hochhaus bei dem Lieblingslied von einer Apothekerin ganz melancholisch zurücklässt. Wenn nur nicht der Franz!! Am Ende schwer verletzt, man weiß gar nicht, ob er noch lebt bzw. im Tele-Twitter FRAAAAAAANZ! NEEEEEIN! das war ja wohl der gemeinste Tatort-Cliffhanger, wo überhaupt vorstellbar. Natürlich gehts weiter, immer weiter, auch auf dem Tatort-Karussell. Ich freu mich drauf!

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Die kleine Casting-Agentur im Kopf

7 Nov

Beim Sport, da sind immer wieder Menschen, die einem von irgendwoher unheimlich bekannt vorkommen, von der Mattscheibe zum Beispiel oder aus dem Theater, wenn man hingehen würde. Drei Straßen weiter ist eine Probebühne, wo die proben und nochmal proben, und zwischendurch gibt es eine Einheit Sport. Das ist ja wohl klar, weil wie sollen die sonst fit sein, wenn sie mal wieder eine Verfolgungsjagd drehen?

Gestern lief dort ein Film-Mensch herum, den habe ich erst gar nicht erkannt. Aber manchmal schauen die Schauspieler dann so drein wie 1. Ich will heute bitte nicht erkannt werden oder 2. (so war es gestern) Schau mal, ich glaube, die/der erkennt mich, und dann geht die Casting-Agentur im Kopf los und man denkt, aha, den/die müsste ich also kennen und dann wird so lange im Kopf hin- und hertelefoniert, bis man auf den Namen kommt oder wenigstens auf das Gesicht. Der Südländer in mir sagt einfach Hallo, und der eingehamburgerte Teil nickt innerlich, ja, ich habe Dich erkannt und werde nix sagen.

Selbst wenn ich nicht mit offenen Augen durch die Welt gehen würde, hätte ich den Pulk Filmvolk schlecht übersehen können, der heute mitten in Ottensen ein Siebzehntel Großstadtrevier gedreht hat. Schauspielerin kommt aus dem Haus, steigt ins Auto und vier Passanten immerhin fanden das so spannend, dass sie stehengeblieben sind. Ich musste leider weiter… Nur um dann auf der anderen, nicht so schicken Seite von Altona, mitten in einer unscheinbaren Wohnstraße einen so richtig bekannten Schauspieler in sein Auto hechten zu sehen, der sich mit Blick Nummer zwei ans Kopf-Casting gewandt hat – hey, ich glaube, sie erkennt mich.

Das hat sie, jawoll, aber wie gesagt, der Hamburger an sich bleibt da eher cool, an jeder Ecke wird so ungefähr ein Film gedreht, naja fast. Trotzdem staune ich diese Woche über diese ungeahnte Schauspieler-Dichte und frage mich, ob das ein dezenter Hinweis ist, dass ich bald von Schauspielern umzingelt werde, wenn ich nicht mal wieder was Nettes über den Tatort schreibe. Nichts lieber als das! Und übrigens in echt seht Ihr immer ganz genau so aus wie im Fernseh‘, nur das Licht ist nicht so gut…

Max und Moritz 2.0

4 Nov

Gestern waren meine sonntäglichen Augen gespannt auf den neuen Tatort aus Erfurt gerichtet. Ich habe versucht mich zu erinnern, wann ich überhaupt das letzte (und einzige Mal) dort war und ob ich mich an irgendein Fachwerkhaus oder Brückchen erinnern würde. Immerhin ein Anreiz, wenn meine Erwartungen ansonsten eher im unteren Mittelfeld angesiedelt waren.

Der Auftakt: rasant, mit einer Parcours-Verfolgungsjagd, das war – rückblickend – noch das beste am ganzen Krimi. Die zwei Ermittler, Max und Moritz, immer auf Trab aber irgendwie gar nicht richtig bei der Sache. Jackett trifft Feinripp-Longsleeve, die Vorgesetzte muss Klapperschuhe tragen und streng dreinschauen und die Praktikantin ist ein wandelnder Brockhaus mit Heuschnupfen.

Überraschung 1: Der Verdächtige mit Schuss in den Oberschenkel kann zwischendurch wieder ganz normal durch die Gegend joggen. Überraschung 2: Statt Kaffee gibts einen Kühlschrank voll Red Bull. Überraschung 3: Es ist Erfurt, und hier spricht keiner mit Akzent. Außer die Spurensicherung.

Durch die nicht enden wollende Aneinanderreihung von Klischees und Klischees und wir sind hier alle so cool  kam mir alles wie fünf Stunden lang vor und ich bin erst wieder mental aufgewacht, als der Kommissar ne Ohrfeige bekommen hat. Danke dafür, auf jeden Fall. Der Rest kann wieder zurück in den Kühlschrank…

Tatort ohne Beinkleid

17 Sep

Gestern war ich auf einer Hochzeit in einem Landgasthof. Das hatte ich gar nicht vor, aber die ARD kann unerbittlich sein. Die Hochzeitsfeier ist allerdings ein bisschen ausgeartet: Auf einmal kamen zwei schwarz gekleidete Männer rein und dann gab es ein einziges Rumgeschreie, Rumgezerre und Geschubse mit viel Waffengefuchtel, laut war das und voll anstrengend. Einzig der draußen im Dunkeln und ohne Beinkleid herumtappende Hochzeitsgast, der nur mal eben mit dem Hund raus wollte, also der hat mich aufgeheitert. Was die Herren und Damen Tatortproduzenten wohl bisher noch nicht wissen: Ich hasse es, wenn sich alles in Pseudo-Echtzeit an nur einer Location abspielt! Da hilft nur nebenher kleine Päckchen mit dänischen Lakritzstangen aufpacken, vierhändige Thaimassage für die Katze, zwischendurch die Tee-Abteilung im Küchenschrank aufräumen, um dann bei der Rückkehr vor die Mattscheibe zu sehen, dass die alle da immer noch nicht weitergekommen sind. Wenn man um 21.45 Uhr feststellt, dass das anstrengendste am ganzen Tag der Tatort war, dann ist irgendwas falschgelaufen! Nette Idee mit der verlorenen Hose, ansonsten hat dieser Tatort auf ganzer Linie verloren.

Achtung, Postbote

10 Sep

Was für ein gruseligschöner Tatort gestern: „Borowski und der stille Gast“. Ein Stalker, der Schlüssel nachmachen kann, Briefe mit Wasserdampf öffnet und eine Passion für Zahnbürsten hat, die bei dunkelhaarigen Frauen wohnen.

Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass außer mir noch jemand in der Wohnung ist. Wie sich dann meistens herausstellt, handelt es sich um eine Katze. Postboten gegenüber bin ich mißtrauisch, vor allem wenn sie ne Designerbrille tragen und wissen, wo die Kaffeefilter im Hängeschrank sind (bei mir tut es der Espressokocher, keine Filtertüten, Glück gehabt).

So spannend war der Kieler Tatort, dass ich mich original erschreckt habe, als es geklingelt hat. War aber nur jemand, der einen bei mir geparkten Schlüssel abholen wollte. Ach ja, und vor dem Zähneputzen habe ich mich versichert, dass das Putzwerkzeug schon benutzt ist. Und auf den Spiegel gehaucht habe ich auch. Heute gab es keine gruselige Paketlieferung, nur die Zeugen Jehovas haben geklingelt (ausgerechnet heute?). „NeindankeaufgarkeinenFall!Danketschüs“, und dann der Abspann.

Fernseh-Geisterbahn

3 Sep

Ein niegelnagelneuer Tatort aus Köln, da habe ich mich doch tatsächlich auf den Sonntagabend gefreut. Ein bißchen. Denn schon nach der dritten Großaufnahme von dem süßen Hund war mir irgendwie klar, dass der noch sterben wird. Wuff, schnäuz. Köln schien gestern nur aus dunklen, unwirtlichen Ecken zu bestehen, und mittendrin eine wild tanzende und düster dreinblickende Anna Loos und zwei zähneputzende Komissare. Kurzum: alles, was ich lieber nicht sehen würde.

Also schnell den Strohhalm aus der Spielkiste herausgeholt und einmal durch die ganze Wohnung mit der Katze gespielt. So konnte ich wunderbar die unsehbare Debatte bei Jauch überbrücken um dann auf einer sicheren Bank bei Kommissar Beck zu landen. Auch wenn es so scheint, als würde das ZDF jedes Mal die gleiche Folge senden, ist mir das allemal lieber als diese Tatorte, in denen die Kommissare mit den Verdächtigen persönlich bekannt sind!

Dann jedoch, kaum hatte ich mich vom Tatort erholt, hat die fernsehgruselige Geisterbahn direkt wieder an Fahrt aufgenommen: Richard David Precht plus Gast in einem Lampenladen, wie sie sich tief in die Augen sehen und so gewichtige Sätze von sich geben wie „Die Schule wird es so in zehn Jahren nicht mehr geben, oder es wird dieses Leben so nicht mehr geben in zehn Jahren.“ Aha! Dazu diese merkwürdig nahe Kameraführung, als würde ich in meinem Fernsehgerät sitzen, und mit mir selbst skypen. Mir haben eindeutig zwei Gläser mit Whiskey auf dem Tresen gefehlt und ich habe auch nicht mehr mitgekriegt, wer wessen Hand zuerst genommen hat.  Nein, ich war bedient mit dem Abendprogramm, und hätte mir stattdessen Kommissar Beck und seinen Nachbarn an den Tisch gewünscht. Den Fernseher behalte ich wohl noch, aber das komische Bestsellerbuch von Precht, dass mich fett angrinst in meinem Bücherregal, das muss sehr bald ausgesetzt werden. Am besten heute noch!

Sommer auf Standby

15 Jul

Die Sonnencreme musste ihren Platz in der Handtasche räumen. Ich zähle die Sommersprossen auf der Hand. Kein Grillduft, der durchs Fenster weht. Die Muttis unten am Sandkasten haben ihre Fleecejacken an und zurren ihren Kleinen einen Schal um den Hals. Die Sommerkleider im Schrank scharren mit den Füßen, und die Katze wartet geduldig auf Sonnenflecken auf dem Wohnzimmerboden am Nachmittag. Gestern habe ich draußen sogar einen Mann mit Teetasse gesehen. Das sommerlichste was mich im Juli erreicht hat, waren zwei Postkarten aus Spanien. Der Sommer ist auf Standby. Ich wünsche mir einen Tatort aus Ibiza, morgen 35 Grad und ein paar Sommerstiefel dazu. Wer hat bloß die Fernbedienung?

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